Samstag, 18. Juni 2011

Eine Woche der Freiheit

Nun ist beinahe wieder eine Woche rum auf meiner Reise durch Irland. Zwischen dem letzten Eintrag zur Reise in Waterford und hier, einem gemütlichen B&B in Ennis kurz vor Galway, durfte ich einiges erleben und entdecken. Ich kenne nun beinahe die ganze südliche Küstenstrasse zwischen Dublin und Galway, mit all ihren malerischen Städtchen und stinkenden Fischerdörfchen. Ich bin durch Täler gewandert, auf Berge oder mehr Hügel gestiegen, an Klippen rumgeklettert, habe im Meer gebadet und an Sandstränden Spaziergänge gemacht.

Ich habe bei Hippies gewohnt, war im Kino, besuchte ein wundervolles Konzert, musste drei amerikanische Studentinnen davor bewahren sich das Genick zu brechen, konnte mit einer irischen Mutter die Zukunft Irlands diskutieren (warum sie sich so fürchterlich schminken hab’ ich mich aber immer noch nicht getraut zu fragen...) und ganz nebenbei habe ich mein persönliches Irlandgefühl entdeckt.

Da beim Versuch hier alles zu erzählen wohl jeder Leser vor dem Bildschirm einpennen würde, beschränke ich mich darauf drei Highlights der Woche etwas näher zu schildern. Das Konzert von Camille O’Sullivan, der Aufenthalt im „Piratennest“ Baltimore und die Entdeckung von Three Castle Head.


Blarney's Castle bei Cork


Camille O’Sullivan, die gelebte Musik

In Cork findet momentan das Midsummer Festival statt mit einer riesigen Anzahl an Konzerten, Theatern, etc. Ich dachte mir wenn ich schon gerade hier bin sollte ich unbedingt an etwas teilnehmen. Da mir alles unbekannt war kaufte ich einfach mal blind ein Ticket für eine gewisse Camille O’Sullivan. Ein wahrer Glückstreffer. Diese Frau, geboren in London und aufgewachsen in Cork und Tochter einer Französin und eines Iren, ist Live der Hammer. Sie singt, gesegnet mit einer rauchigen Powerstimme, eigenes Material aber auch alte irische Seemannslieder und Stücke von Tom Waits oder Nick Cave.


Camille mal mit viel Gefühl...

Dabei singt sie diese Songs nicht nur, nein sie lebt sie. Ihre Performance auf der Bühne ist nur schwer zu beschreiben. Sie ist kindisch, graziös und burlesque zugleich, sitzt mal mit tränenerfüllten Augen ruhig da, tanzt barfuss durchs Publikum oder headbangt sich wie ein Hardrocker über die Bühne. Jedenfalls weiss man, wenn das Publikum am Schluss minutenlang in Standing Ovations verfällt und anstatt normal zu johlen miaut wie ein Zimmer voll Katzen, dass das ein ganz besonderer Abend war.


und mal rockt sie die Bühne


Baltimore, ein Pirat kehrt zurück

Auf der Reise der Südküste entlang bin ich mehr per Zufall über ein sehr freundliches Fischerdorf gestolpert, das es mir sofort angetan hat. Es kuschelt sich abseits der Touristenströme in eine kleine Bucht und enthält zwei vorgelagerte Inseln. Früher war dies alles im Besitz von Piraten die über die Region herrschten. Heute zeugen noch die drei Burgen davon, eine in Baltimore und je eine auf den Inseln. Was mir so gefiel ist die auffallende Freundlichkeit der Menschen. Hier grüsst dich jeder und manch einer kennt dich bald beim Vornamen. Der ganze Ort strahlt einen tiefen Frieden und viel Ruhe aus. Es gibt zudem einige kleine Restaurants mit leckerem Essen, das meiste direkt aus dem Meer auf das man blickt während man es verzehrt.


Ganz hinten in der Bucht liegt Baltimore

Ausserdem gibt’s hier ein verborgenes Juwel zu entdecken. Wer mit dem Auto bis ganz an das Ende der Landzunge fährt und dort den Hügel emporsteigt findet sich plötzlich auf mächtigen Klippen wieder. Dann kann man an einem Ort hinab klettern bis an einen Ort wo das Wasser vor langer Zeit wie Stühle in den Felsen gefressen hat. Heute kann man dort sitzen und die Wellen brechen sich vor einem an den Klippen und spülen einem das Wasser bis maximal einen knappen Meter vor die Füsse. Ein gewaltiges Naturschauspiel und steht garantiert in keinem Reiseführer.


Das Wasser kommt nahe, aber nicht zu nahe


So einen Ort stelle ich mir vor um in später Zukunft mal meinen Lebensabend zu verbringen. Was natürlich mit der besseren Hälfte dann noch diskutiert werden müsste... J


Three Castle Head, mein persönliches Irlandgefühl

Auf der Halbinsel Mizen Head gibt es zwei Möglichkeiten: Man besichtigt die Landzunge Mizen Head, touristisch sehr gut erschlossen (sprich man zahlt für alles), mit einer neuen weissen Brücke und einem kleinen Leuchtturm. Das weckte meine Begeisterung irgendwie nicht so wirklich. Oder ein beinahe unbekannter Ort mit drei Ruinen mitten in der Pampa der touristisch überhaupt nicht erschlossen ist. Das klang eher nach mir. So fuhr ich begeistert drauf los. Nur, wenn etwas nicht bekannt ist, ist es auch nicht ausgeschildert. Also hab ich mich erstmal gründlich verfahren. Doch eine aus dem Nichts auftauchende junge Dame mit flammend rotem Haar hat mir dann den Weg gewiesen (ich frag mich bis heute woher die gekommen ist...).

Three Castle Head zu finden funktioniert dann in etwa so: Du folgst einer Strasse mitten ins nirgendwo und lässt alle Zivilisation hinter dir, bis die Strasse direkt an einer Klippe plötzlich endet. Dort lässt du das Auto stehen und folgst zu Fuss einem kleinen Schafspfad noch tiefer ins Niemandsland. Nach einigen Hügeln stehst du dann plötzlich davor: Drei uralte Turmruinen, verbunden durch eine halbzerfallene Mauer, an den Seiten abgegrenzt durch einen See und tiefabfallende Klippen. Ein beinahe monumentaler Moment. Durchquert man die "Festung" kann man einen weiteren Hügel emporsteigen und einen kleinen Gipfel erklimmen. Dahinter fallen wiederum tiefe Klippen ins Meer und man kann über die ganze Halbinsel sehen und sogar die nächste in der Ferne erkennen.


Three Castle Head

Das Gefühl wenn du dort oben sitzst, gleich hinter dem Gipfel an einem windgeschützten Ort. Der Blick schweift über die unberührte Landschaft mit endlosen grünen Hügeln, Wiesen und kleinen Seen und streift verlassene Ruinen umgeben von unzähligen weissen Schafen. Die Möwen kreisen über den hohen Klippen an denen sich tosend die Wellen des Meeres brechen und schreien den Ruf der Freiheit in den Himmel. Keine Menschenseele weit und breit ausser dir, du bist allein mit Gott und der Natur. Dies ist mein ganz persönliches Irlandgefühl das ich in meinem Herzen konservieren und mit in die Schweiz nehmen will.


Ein kleiner Ausschnitt aus meinem Irlandgefühl


P.S: Dort oben habe ich übrigens auch meine letzte Zigarette geraucht. Wie jetzt Zigarette? Phipu, du bist doch Nichtraucher? Ja, grundsätzlich rauche ich ja nicht. Aber ich habe so eine Angewohnheit dass ich in seltenen, besonders schönen und atmosphärischen Momenten mir eine Zigarette gönne. Das Problem ist nur: in Irland wirst du mit dieser Angewohnheit zum Kettenraucher. Deshalb habe ich nach einem Päckli gleich wieder aufgehört. In Zukunft werde ich also in seltenen, besonders schönen und atmosphärischen Momenten mir ein Nidlädäfeli oder Basler Leckerli gönnen, die mir meine Liebste als Andenken mitgegeben hat. J


Der weitere Plan...

Nun... für heute: Nach Ennis gehen, ins Pub sitzen, ein kleines Abendessen zu mir nehmen, mir wieder mal ein Guinness gönnen (ich hatte kein einziges diese Woche... nur ein gratis Murphy's am Konzert in Cork.) und irische Live-Musik hören. Morgen werde ich dann nach Galway reisen um am Montag dort meine Mutter und meine Schwester in Empfang zu nehmen. Dann wirds wohl vorbei sein mit der Ruhe... aber ich freue mich. J


Also dann meine Leser, macht's gut und fahrt vorsichtig,

Euer Wuschu


Vor Allihies an der Küste der Beara Halbinsel


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